Im Wartezimmer

Manchmal muss man halt mal zum Arzt gehen. Nein, nichts wirklich aufregendes, aber von Zeit zu Zeit empfiehlt der Hausarzt zur Kontrolle mal den Besuch bei einem Facharzt. Und da kann man was erleben – besonders wenn man vom schon erwähnten Hausarzt und seiner Praxis extrem verwöhnt ist. Dort (auf dem Land) ist die Welt noch in Ordnung, man ist bekannt, die Praxis gut organisiert, man ist einfach gut aufgehoben. Beim Facharzt (in der Stadt) kann man schon andere Sachen erleben. Ob Radiologen, Neurologen oder Nuklearmediziner – meist große Praxen, in denen sich im Wartezimmer dann auch entsprechend viele Patienten einfinden.

Wenn sie dann mal einen Termin ergattert haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Gehen wir also davon aus, dass wir uns rechtzeitig (also als die Bäume noch Blätter trugen) um einen Termin gekümmert haben, dann sitzen wir jetzt (im Frühjahr) in einem spärlich möblierten Wartezimmer und ja, der Name ist Programm! Wir warten. Bei dieser Gelegenheit fallen mir immer die Arztserien aus dem TV ein, die ich so gerne sehen. So eine Episode dauert meistens etwa 45 Minuten – realitätsnahes Fernsehen würde in diesem Zeitraum extrem handlungsarm sein, denn den Arzt würden wir frühestens in Folge 2 zu sehen bekommen.

Aber dafür bekommen wir ja auch was geboten. Der Mikrokosmos Wartezimmer gibt uns die Gelegenheit, unsere Mitmenschen kennenzulernen. Es sei denn, wir nutzen das Angebot an Lesestoff, das uns in Form von mehreren Zeitschriften geboten wird. Da mir aber „Echo der Frau“ weder inhaltlich was gibt und der Zustand der Blätter deutlich Spuren regen Gebrauchs aufweist, schaue ich mich lieber um. Was sofort auffällt: die Abhängigkeit der menschlichen Rasse vom Smartphone hat inzwischen bedenkliche Ausmaße angenommen. Ja, manche Hände scheinen fast verwachsen mit diesem Kommunikationsinstrument. Ständig wird getippt. WhatsApp, Twitter, Facebook – anscheinend wird für tot erklärt, wer sich länger als 10 Minuten nicht meldet. Auch wenn an Rezeption und im Wartezimmer deutliche Schilder darauf hinweisen, dass man doch sein Handy bitte ausschalten möge – hier herrscht selektives Wahrnehmungsvermögen, sowas scheint auf der Netzhaut nicht anzukommen. Fleißig wird los getippt: „sitze seit 5 minuten im wartezimmer“, „sitze nun schon 10 minuten im wartezimmer“, „sitze jetzt 20 minuten…“ und so weiter.

Das kann aber mal in’s Auge gehen. Schön mit zu verfolgen war der Fall der Patientin M. Da man in einer Facharztpraxis oft mehrere Stationen durchlaufen muss, darf man mehrmals im Wartezimmer Platz nehmen. Frau M. war schon zu Anfang sehr mit ihrem Handy beschäftigt. Nach dem ersten Teil der Untersuchung nahm sie wieder Platz, begab sich aber bald in der Vorraum der Praxis um offensichtlich zu telefonieren (was man in einem Spiegel erkennen konnte). Hmmm … könnte spannend werden, denke ich mir und schon geht die Tür zur Behandlung auf – „Frau M. bitte!“ …. „Frau M. bitte!?“ …. „Frau M.?“ OK, ein Anderer durfte in die Lücke springen. Frau M. erschien dann nach 5 Minuten wieder, nach etwa 1 Minute wanderte das Handy zwanghaft wieder in ihre Hände und bald entschwand sie wieder nach draussen um zu telefonieren und – ja, genau so kam es:  „Frau M. bitte!“ …. „Frau M. bitte!?“ …. „Frau M.?“

Nachdem sie dann wieder einmal Platz genommen hatte, beschwerte sie sich beim Personal über die lange Wartezeit. Was dann aber irgendwie nach hinten los ging …